Melanie Esters
Wir passen uns an eine neue Situation schneller an als erwartet.
  • Cultural Velocity
02.06.2020

Der Neurowissenschaftler und Verhaltensökonom Marcel Bartling von Nielsen Company trifft die Strategin und Media-Expertin Melanie Esters von Initiative nochmals zum Interview. Diesmal erläutert Bartling, wie es aus seiner Sicht nach der Krise weitergeht und warum Briefeschreiben trotz Pandemiebonus langfristig nicht wieder in Mode kommen wird.

ESTERS:

Schon heute existieren zahlreiche Zukunftsszenarien für unser Leben nach dieser Krise, inwieweit sich unsere Gesellschaft, das globale Miteinander oder die Wertesysteme von Menschen verändern werden. Inwieweit ermöglichen es Ihnen Psychologie und Neurowissenschaften, hier Vorhersagen zu treffen?

BARTLING:

Niemand kann vorhersagen, wie stark und nachhaltig sich unsere Welt verändern wird. Grundsätzlich gelten aber zwei Dinge. Erstens: Von Krisen, Kriegen, Revolutionen oder Naturkatastrophen gehen zwar Impulse aus, der anschließende gesellschaftliche Wandel vollzieht sich, das lehrt uns die Geschichte, aber nur sehr langsam. Zweitens: Viele der Ereignisse, von denen wir glauben, dass sie sehr einschneidend sind, ändern unser persönliches Leben weniger als zuvor angenommen. Besonders zum zweiten Aspekt gibt es eine zwar kontrovers diskutierte, aber dennoch sehr spannende Studie, die zeigt, dass selbst die Gewinner eines Lottojackpots etwa ein Jahr nach dem unerwarteten Geldsegen etwa so glücklich sind wie zuvor. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass selbst Menschen, die durch einen schweren Unfall querschnittsgelähmt sind, sich ein Jahr nach dem lebensverändernden Ereignis wieder stark dem durchschnittlichen Glücksniveau annähern. Einfach ausgedrückt: Wir passen uns an eine neue Situation schneller an als erwartet.

ESTERS:

Warum fallen wir so schnell wieder in alte Bahnen zurück?

BARTLING:

Gewohnheiten, die sich über Jahre und Jahrzehnte vor der Krise gebildet haben, sind natürlich entsprechend tief verankert. Diese Routinen erneut abzurufen, fällt uns auch nach der Krise – wann immer das auch sein mag – sehr leicht. Alte Gewohnheiten sind auch deshalb so widerstandsfähig, weil unser Gehirn bei der früheren Ausübung immer wieder zurückgespielt bekommen hat, dass diese unser Überleben nicht gefährden. Wenn also die Unsicherheit und Bedrohung abnimmt, die einen Strategiewechsel nötig machen, kommen unsere alten Gewohnheiten nach und nach wieder durch.

ESTERS:

Ab wann setzt sich etwas Neues – vielleicht sogar als besser Erlebtes – wirklich durch?

BARTLING:

Die Krise hat die Kraft, Impulse zu geben, um Bedenken und initiale Anstrengungen zu überwinden. Durch die Einschränkungen ist man förmlich gezwungen, sich auf Neues einzulassen und/oder kreativ zu werden. Die Digitalisierung beispielsweise lief vor der Krise zumindest in Deutschland recht schleppend voran, wenn ich etwa an Home-Office-Arbeitsplätze oder Digital Learning und Virtual-Teaching-Angebote denke. Zum einen mangelte es an der Investitionsbereitschaft, frei nach dem Motto „läuft doch alles auch so“, zum anderen kostet es viel kognitive Energie, neue Modelle und Konzepte zu entwickeln. Ein nicht zu unterschätzender Aufwand für alle Beteiligten. Nun sind diese Anstrengungen weitestgehend alternativlos geworden, um die Wirtschaft und Bildung am Laufen zu halten. Alles was im Zuge dessen nun etabliert wird, hat gute Chancen nach der Krise fortzubestehen, denn es erleichtert unseren Arbeits- und Lernalltag, schafft Flexibilität und kann zukünftig ohne zusätzlichen Aufwand weiter genutzt werden.

ESTERS:

Und wie sieht es mit unserer Freizeitgestaltung aus? Wenn uns etwas wirklich glücklich macht – gerade jetzt in der Krise, wie etwa Briefe schreiben oder eine Yoga-App nutzen – hat das dann nicht die Chance, unsere Routinen zu andern? Warum fallen wir so schnell wieder in alte Bahnen zurück?

BARTLING:

Alles, was uns unsere Art zu leben erleichtert und auch in hektischeren Zeiten noch funktioniert, wird auch nach der Krise noch Einzug in unseren Alltag halten. Streaming- und Online Shopping-Dienste sind derzeit natürlich gefragter denn je, und die Zahl der Nutzer sowie die Nutzungshäufigkeit schnellen jeden Tag weiter in die Höhe. Auch dem kontaktlosen Bezahlen mit dem Smartphone beispielsweise wird die Krise zum Durchbruch verhelfen, denn ist der Aufwand einmal überwunden, derlei Services einzurichten, können sie im wahrsten Sinne „einfach“ weitergenutzt werden. Studien zeigen, dass jeder Schritt, der notwendig ist, um etwas zu erledigen, die vollständige Erledigung unwahrscheinlicher macht. Schon ein komplizierter oder zu aufwendiger Registrierungsprozess kann zum Abbruch fuhren. Nehmen wir das Beispiel Amazon.

Das Geschäftsmodell ist auch deshalb so erfolgreich, weil man seit Gründung versucht, die Customer Journey so reibungslos wie möglich zu machen. Eine Anmeldung über Benutzername und Passwort ist durch die App auf dem Smartphone nicht mehr notwendig, Kreditkarteninformationen und Versandadresse sind bereits hinterlegt, so gut wie alle Artikel allzeit verfügbar, der Versand ist meist kostenlos und der Kauf mit nur einem Klick möglich. In diesem Prozess entsteht so gut wie keine Reibung. Nach der einmaligen Einrichtung genießt man nur noch die Vorzüge der Einfachheit. Das macht Amazon zur wertvollsten Marke der Welt. In Zeiten, in denen zahlreiche Freizeitalternativen wegfallen, ist man vermutlich eher gewillt, Aufwand auf sich zu nehmen und etwas Neues zu probieren. Und wieder gilt, ist die Hürde erst einmal genommen, kommen nur noch die Vorzüge der Nutzung zum Tragen. Aus dem gleichen Grund habe ich allerdings für das Briefeschreiben weniger Hoffnung. Dieser Prozess verlangt einen verhältnismäßig hohen Aufwand und das, selbst bei guter Organisation, jedes Mal aufs Neue.